Bacha Posh bezeichnet eine in Afghanistan verbreitete Praxis, bei der Mädchen – meist bis zum Einsetzen der Pubertät – als Jungen aufwachsen. Der Begriff bedeutet wörtlich „als Junge gekleidet“: Die Kinder erhalten einen männlichen Namen, tragen Jungenkleidung und kurze Haare und bewegen sich dadurch mit Freiheiten, die Mädchen in der afghanischen Gesellschaft sonst verwehrt bleiben – etwa allein das Haus verlassen, Sport treiben oder ohne Begleitung zur Schule gehen.
Hintergrund ist der starke gesellschaftliche Druck auf Familien, einen Sohn vorzuweisen, der den Familiennamen fortführt und einst das väterliche Erbe antritt. Familien mit ausschließlich Töchtern oder wenigen Söhnen gelten sonst leicht als sozial benachteiligt; ein als Junge lebendes Kind wertet den Status der Familie nach außen auf. Innerhalb der Familie übernimmt das Kind häufig eine männliche Rolle und ist von Haushaltspflichten befreit, die sonst Mädchen zugewiesen werden.
Mit der Pubertät kehren die meisten Mädchen wieder in ein Leben als Frau zurück, was für viele mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten verbunden ist: Der Wechsel von relativer Bewegungsfreiheit zurück in die engen Rollenerwartungen an Frauen in Afghanistan wird von Betroffenen oft als schmerzhafter Bruch beschrieben. Bacha Posh gilt in der Genderforschung als eigenständiges kulturelles Phänomen und wird von den meisten Betroffenen selbst nicht als queere Identität verstanden, sondern als befristete soziale Rolle.