Das Institut für Sexualwissenschaft in Berlin war weltweit die erste Einrichtung ihrer Art: eine Forschungs- und Beratungsstelle, die sexuelle Vielfalt nicht als Krankheit, sondern als Gegenstand ernsthafter Wissenschaft behandelte. Gegründet vom Arzt und Sexualreformer Magnus Hirschfeld, residierte es in einer Villa am Rand des Tiergartens und vereinte unter einem Dach Sprechstunden, eine Bibliothek, eine Bildungsabteilung und das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee – die erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt. Ratsuchende aus ganz Europa kamen hierher, um sich über Homosexualität, Transidentität oder Verhütung beraten zu lassen, zu einer Zeit, in der solches Wissen kaum zugänglich war.
Das Institut sammelte eine der umfangreichsten Bibliotheken zu Sexualität und Geschlecht, die es je gab. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurde es zum Symbol für das, was zerstört werden sollte: Studierende und SA-Mitglieder plünderten die Räume, die Bibliothek wurde auf einem Berliner Platz öffentlich verbrannt. Ein Versuch, die Arbeit im Pariser Exil fortzusetzen, blieb ohne dauerhaften Erfolg. Bis heute gilt das Institut als Ursprungsort der modernen Sexualwissenschaft und als frühes Beispiel dafür, wie eng Wissenschaft, Aufklärung und queere Emanzipation miteinander verbunden sein können.