Eine Schülerin outet sich, ein Schüler wünscht einen anderen Namen: Wie Lehrkräfte und andere Erwachsene im Schulalltag ruhig und hilfreich reagieren, und welche Fachstellen sie unterstützen.
Eine Schülerin erzählt ihrer Klassenlehrerin, dass sie Mädchen liebt. Ein Schüler bittet darum, im Unterricht mit einem anderen Vornamen angesprochen zu werden. Eine Zwölfjährige fragt nach der Stunde leise, was „queer“ eigentlich heißt. Solche Momente kommen in jeder Schule vor, auch wenn man sie nicht immer mitbekommt. Dieser Text hilft Lehrkräften, Schulsozialarbeiterinnen und anderen Erwachsenen im Schulalltag, in so einem Moment richtig zu reagieren. Stand: Oktober 2026.
Warum es auf Sie ankommt
Viele queere Jugendliche erleben die Schule als Ort, an dem sie sich verstecken. Nach einer repräsentativen Befragung von 2017 unter 309 Menschen zwischen 16 und 30 Jahren gaben 74 Prozent an, dass sie in ihrer Schulzeit keine Lehrkraft erlebt haben, die offen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung umging. Die Zahl nennt der Sozialpsychologe Ulrich Klocke (Humboldt-Universität zu Berlin) in einem Vortrag von 2023. Er beschreibt dort auch, dass lesbische, schwule, bi-, trans- und intergeschlechtliche Jugendliche häufiger ausgegrenzt, beleidigt oder angegriffen werden, und dass sich das in höheren Raten von Depressionen und Ängsten zeigen kann.
Daraus folgt nicht, dass Sie eine ausgebildete Beratungsfachkraft sein müssen. Oft genügt es, ruhig zu reagieren.
Wenn sich jemand anvertraut
Zuhören, nicht bewerten. Expertin oder Experte müssen Sie dafür nicht sein, und verstehen müssen Sie auch nicht alles. „Danke, dass du mir das erzählst“ ist ein guter erster Satz.
Nichts weitergeben, wenn die Person es nicht will. Ein Coming-out ist die Entscheidung der Person selbst. Informieren Sie ohne Erlaubnis Eltern, Kollegium oder Mitschüler, nehmen Sie der Person diese Entscheidung ab. Das nennt sich Zwangsouting. Es kann ernste Folgen haben, etwa wenn zu Hause niemand Bescheid weiß. Das Glossar erklärt den Begriff genauer: Outing. Wie sich ein Coming-out anfühlt, steht unter Coming-out.
Fragen, was gebraucht wird. Manche wollen nur einmal gehört werden. Andere wünschen sich einen anderen Namen im Klassenbuch oder Unterstützung gegen Beleidigungen. Fragen Sie, statt zu raten: „Was würde dir jetzt helfen?“
Namen und Pronomen übernehmen. Wünscht sich ein Kind einen anderen Vornamen oder andere Pronomen, sprechen Sie es so an. Pronomen sind die Wörter, mit denen man über jemanden redet (sie, er, they). Mehr dazu: Pronomen. Ob der Name auch im Zeugnis oder in offiziellen Listen stehen kann, hängt von den Vorgaben des Landes ab. Fragen Sie bei der Schulleitung nach. Bis dahin tun Sie, was im Klassenzimmer geht.
Im Alltag der Klasse
Auch ohne Coming-out entscheidet der Schulalltag mit, ob sich queere Jugendliche sicher fühlen.
- Beleidigungen nicht durchgehen lassen. Wörter wie „schwul“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort sind keine harmlose Jugendsprache. Eine kurze, klare Reaktion zeigt der ganzen Klasse, woran sie ist, zum Beispiel: „Das sagen wir hier nicht als Beleidigung.“
- Vielfalt vorkommen lassen. Schon ein Beispiel mit zwei Müttern, ein Buch mit einer queeren Figur oder ein Satz wie „Manche haben einen Freund, manche eine Freundin“ macht aus einem Tabu einen normalen Teil des Lebens. Wer sich bisher nicht traut, bekommt so ein Signal, dass hier Platz für ihn ist.
- Nicht ausfragen. Niemand soll für „die Community“ sprechen oder der Klasse etwas erklären müssen.
Wo es Hilfe gibt
- Schule der Vielfalt. Ein bundesweites Netzwerk gegen Homo- und Transfeindlichkeit an Schulen. Es bietet Unterrichtsmaterial, Fortbildungen, Fachveranstaltungen und SCHLAU-Workshops an.
- SCHLAU NRW. Ehrenamtliche Teams, viele selbst queer, besuchen Schulen, Sportvereine und Jugendzentren und sprechen mit den Jugendlichen über sexuelle, geschlechtliche und romantische Vielfalt. Über die Webseite wählen Sie Ihre Stadt, jede örtliche Gruppe nimmt Anfragen selbst entgegen. Telefon des Netzwerks: 0221 35 65 65 40. Ähnliche Projekte gibt es in weiteren Bundesländern, zum Beispiel SCHLAU Hessen.
- Nummer gegen Kummer. Das Kinder- und Jugendtelefon ist unter 116 111 montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr erreichbar, kostenlos und anonym. Eltern erreichen das Elterntelefon unter 0800 111 0550. Auch eine Online-Beratung gibt es.
Was Sie nicht tun sollten
Nehmen Sie die Äußerung nicht als „Phase“ ab. Fragen Sie nicht, woher die Person das wisse. Und raten Sie nicht zum Warten, bis „man sicher ist“. Jugendliche dürfen sich mit sich selbst auseinandersetzen, ohne dass Erwachsene das Ergebnis vorwegnehmen.
Kurz gesagt
Alles wissen müssen Sie nicht. Zuhören, vertraulich bleiben, den richtigen Namen verwenden und Beleidigungen nicht durchgehen lassen: Das ist machbar und wirkt. Für alles andere gibt es Fachstellen, die genau dafür da sind.
Häufige Fragen
Quellen
- schule-der-vielfalt.de
- schlau.nrw
- nummergegenkummer.de
- psychology.hu-berlin.de · klocke_2023_-22schwuchtel-lesbe-transe-22_gastvortragsreihe-...
Zuletzt geprüft: 20. Oktober 2026