Alfred Charles Kinsey (1894–1956) war ein US-amerikanischer Zoologe und Sexualforscher. Vor seiner Hinwendung zur Sexualforschung hatte er sich als Biologe an der Indiana University vor allem mit der Systematik von Gallwespen befasst; die dabei erlernte akribische Datenerhebung übertrug er später auf die Erforschung menschlichen Sexualverhaltens.
1947 gründete er an der Indiana University das Institut, das heute als Kinsey Institute for Research in Sex, Gender and Reproduction fortbesteht. Auf Grundlage tausender Interviews veröffentlichte er 1948 und 1953 die als „Kinsey-Reports“ bekannten Studien „Sexual Behavior in the Human Male“ und „Sexual Behavior in the Human Female“. Sie zeigten erstmals mit breiter empirischer Grundlage, dass gleichgeschlechtliches Verhalten, Masturbation und außereheliche Sexualität in der Bevölkerung deutlich verbreiteter waren, als es das damalige gesellschaftliche Bild vermuten ließ.
Aus dieser Arbeit entwickelte Kinsey die nach ihm benannte Kinsey-Skala, ein Modell zur Einordnung sexuellen Verhaltens und Erlebens auf einem Kontinuum zwischen ausschließlich heterosexuell und ausschließlich homosexuell. Seine Methoden und Stichproben wurden von Fachkolleg*innen zu seinen Lebzeiten teils scharf kritisiert, seine Berichte gelten aber bis heute als einer der Ausgangspunkte der modernen Sexualwissenschaft und trugen wesentlich zur öffentlichen Enttabuisierung von Sexualität bei.