Pronomen ersetzen Namen im Gespräch: sie kommt, er wartet, es regnet. Für die meisten Menschen passt eines der beiden bekannten Pronomen automatisch. Für nicht-binäre Menschen gilt das oft nicht – weder sie noch er trifft ihre Identität. Deshalb haben sich im Deutschen mehrere Alternativen entwickelt, die Nichtbinarität sprachlich abbilden.
Die bekanntesten Neopronomen heißen dey, hen, em, en, nin, sier und xier. Dey ist die eingedeutschte Form des englischen they. Hen stammt aus dem Schwedischen und wird im Deutschen fast unverändert übernommen. Sier setzt sich aus sie und er zusammen. Jede Form hat eine eigene Deklination durch alle vier Fälle – nin sieht nin, gehört nim, das ist nins –, die je nach Quelle oder Community leicht variiert. Eine einzelne verbindliche Norm gibt es bislang nicht, verschiedene Gruppen nutzen unterschiedliche Systeme nebeneinander.
Woher kommt der Bedarf? Das Konzept der Nichtbinarität – dass Geschlecht nicht nur männlich oder weiblich kennt – wurde in den USA in den 1990er-Jahren stärker diskutiert. Breiter wahrgenommen wurde es erst ab den 2010er-Jahren, mit mehr Sichtbarkeit in Medien und sozialen Netzwerken. Das Deutsche hat gegenüber dem Englischen dabei ein strukturelles Problem: Es dekliniert Pronomen in vier Fällen und stimmt zusätzlich Artikel und Adjektive darauf ab, während das Englische mit they auskommt. Genau das macht die Einführung geschlechtsneutraler Pronomen im Deutschen komplizierter und langsamer als im englischsprachigen Raum.
Im Alltag hilft eine einfache Regel: Wer unsicher ist, fragt. „Welche Pronomen benutzt du?“ ist eine normale Frage, keine peinliche. Wer sich mal vertut, entschuldigt sich kurz und macht weiter – ein einzelner Fehler ist kein Drama, solange man ihn nicht wiederholt. Viele Menschen tragen ihre Pronomen inzwischen in der E-Mail-Signatur, auf Namensschildern bei Veranstaltungen oder direkt im Social-Media-Profil, genau damit niemand raten muss.
Wer regelmäßig mit einer Person zu tun hat, gewöhnt sich an neue Pronomen schneller, als man zunächst denkt – ähnlich wie beim Erlernen jedes anderen neuen Wortes. Die Umstellung ist eine Übungssache, keine Wissenschaft.