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Was bedeutet „queer“? Herkunft und Bedeutungswandel eines Begriffs

3 Min Lesezeit

Vom englischen Schimpfwort des 19. Jahrhunderts zur politischen Selbstbezeichnung: Wie „queer“ seine Bedeutung wandelte – und warum nicht alle in der Community den Begriff gleich gern nutzen.

„Queer“ kommt ursprünglich aus dem Englischen und bedeutete im 16. Jahrhundert schlicht „seltsam“ oder „sonderbar“. Sprachhistorisch reicht die Wurzel bis zum deutschen Wort „quer“ zurück – beide gehen auf dieselbe indogermanische Wurzel für „drehen“ zurück. Mit Sexualität hatte das Wort zunächst nichts zu tun.

Das änderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Englischsprachige Zeitungen und Gerichte nutzten „queer“ zunehmend als abwertende Bezeichnung für Männer, die als feminin galten oder gleichgeschlechtliche Beziehungen führten. Der Historiker George Chauncey beschreibt, wie „queer“ im frühen 20. Jahrhundert neben Wörtern wie „fairy“ zum gängigen Schimpfwort für auffällige, feminine Männer wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg distanzierten sich viele jüngere schwule Männer bewusst von dem Begriff – er galt als Beleidigung einer älteren Generation.

Die Wende kam in den 1980er Jahren, mitten in der Aids-Krise. Aktivist:innen begannen, das Wort für sich zu beanspruchen – im Englischen „reclaiming“ genannt. Als Urheber dieser Aneignung gelten vor allem Schwarze Aktivist:innen und People of Colour an den sozialen Rändern US-amerikanischer Großstädte. In New York gründete sich die Gruppe Queer Nation. Zum Christopher Street Day verteilte sie das Flugblatt „Queers Read This“ und positionierte sich damit ausdrücklich gegen eine Politik der reinen Anpassung an bestehende Normen.

Parallel dazu hielt der Begriff Einzug in die Wissenschaft. Die Literaturwissenschaftlerin Teresa de Lauretis prägte den Ausdruck „Queer Theory“. Das Forschungsfeld untersucht seither, wie Geschlecht und Sexualität jenseits fester Kategorien gedacht werden können. Judith Butler, eine der einflussreichsten Stimmen dieser Denkrichtung, beschreibt „queer“ selbst als eine Art Anti-Identität – als Bezeichnung, die sich bewusst nicht festlegen lässt.

Heute funktioniert „queer“ vor allem als Sammelbegriff: für sexuelle Orientierungen jenseits der Heterosexualität, für nichtbinäre und andere Geschlechtsidentitäten, für Lebensformen außerhalb heteronormativer Vorstellungen. Manche verwenden es als persönliche Selbstbezeichnung, andere als politische Haltung, die feste Normen ablehnt. Wie viele Menschen sich konkret als „queer“ identifizieren, schwankt in Umfragen stark – je nach Untersuchung und Altersgruppe zwischen wenigen und über einem Drittel der LGBTQ-Bevölkerung.

Nicht alle in der Community nutzen den Begriff gleich gern. Ältere Generationen verbinden „queer“ teils noch mit der Erfahrung, damit beschimpft worden zu sein, und bevorzugen andere Bezeichnungen. Diese Uneinigkeit gehört zur Geschichte des Wortes dazu: Ein Begriff, der einmal als Waffe benutzt wurde, lässt sich nicht für alle Menschen gleich schnell in etwas Positives verwandeln.

Häufige Fragen

Historisch wurde das Wort so verwendet. Seit den 1980er Jahren eignen sich Aktivist:innen den Begriff bewusst als positive Selbstbezeichnung an. Beide Bedeutungsebenen existieren bis heute nebeneinander, weshalb manche Menschen den Begriff meiden und andere ihn aktiv für sich beanspruchen.
„LGBTQ“ zählt konkrete Identitäten auf (lesbisch, schwul, bisexuell, trans, queer). „Queer“ wirkt als offener Sammelbegriff für alles, was nicht heteronormativen Vorstellungen entspricht, ohne einzelne Identitäten benennen zu müssen.
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