Nach der Einstufung als „extremistische Organisation" ist die Redaktion des größten russischsprachigen Queer-Portals Parni+ ins Exil geflohen. Gründer Jewgeni Pisemski blieben nur 24 Stunden, um das Land zu verlassen.
In Russland ist die Redaktion des größten russischsprachigen Queer-Portals ins Ausland geflohen, nachdem ein Gericht die Seite im April als „extremistische Organisation" eingestuft hatte. Parni+, seit 2008 eine zentrale Anlaufstelle für Berichterstattung über queere Themen im russischsprachigen Raum, steht damit rechtlich auf einer Stufe mit verbotenen Organisationen – Mitarbeit oder auch nur nachweisbarer Kontakt zur Seite kann in Russland strafrechtlich verfolgt werden.
Gründer und Chefredakteur Jewgeni Pisemski blieben nach eigenen Angaben nur 24 Stunden, um das Land zu verlassen, nachdem gegen ihn ein Strafverfahren eröffnet worden war. „Ich hatte nur 24 Stunden Zeit, um rauszukommen, nachdem die Strafanzeige gegen mich eröffnet wurde", sagte er. Mit ihm flohen Redakteurin Itil Tjomnaja, Peer-Berater Damir Musin, Jaroslaw Rasputin und Wadim Waganow. Gegen Waganow laufen inzwischen fünf Verfahren wegen angeblicher Tätigkeit als „ausländischer Agent" sowie sieben Anklagen nach dem russischen Gesetz gegen „LGBT-Propaganda".
Grundlage der Einstufung war eine Klage des russischen Justizministeriums, gestützt auf die langjährige Berichterstattung von Parni+ über queere Lebensrealitäten. Die Redaktion arbeitet inzwischen aus dem Exil weiter, ihre Mitglieder sind über mehrere Länder verstreut. Tjomnaja beschreibt den Bruch als schmerzhaft: „Ich habe mein ganzes Leben in Russland zurückgelassen … ich habe dieses Leben geliebt und trauere immer noch um seinen Verlust." Musin betont, ohne die Hilfe von Wohltätigkeitsorganisationen und privaten Unterstützer:innen wäre er auf der Straße gelandet. Waganow bringt die Strategie der russischen Behörden auf den Punkt: „Der Staat versucht, schon die Tatsache, dass man dich kennt, zu einem Makel zu machen."
Der Fall von Pisemski und seinen Kolleg:innen zeigt, wie unmittelbar Russlands seit Jahren verschärfte Gesetzgebung gegen queere Sichtbarkeit inzwischen einzelne Menschen trifft – nicht mehr nur als abstrakte Bedrohung, sondern als konkreter Zwang zur Flucht binnen weniger Stunden.
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