Bei Pride-Veranstaltungen in Istanbul und Izmir hat die türkische Polizei erneut zahlreiche Menschen festgenommen. In Istanbul, wo Behörden Teile der Stadtteile Kadıköy und Beyoğlu für Kundgebungen gesperrt hatten, nahm die Polizei mindestens 50 Personen bei spontanen Protesten fest. In Izmir wurden 36 Teilnehmende festgenommen und später gegen Bußgeld wieder freigelassen, in Ankara ein gutes Dutzend weitere.
Weil offizielle Umzüge seit Jahren verboten sind, organisieren Aktivist*innen ihre Proteste inzwischen dezentral: Kleine, vorab nur intern angekündigte Kundgebungen verlesen an wechselnden Orten die eigentliche Pride-Pressemitteilung mit den politischen Forderungen der Community. Das Gouverneursamt in Izmir begründete sein Verbot mit "öffentlicher Moral" und "öffentlicher Ordnung", die Aktivist*innen führten den Protest trotzdem durch.
Ein Ende der Verbotspraxis ist nicht in Sicht. Seit einem ersten Verbot des Istanbuler CSD ist praktisch jede queere Demonstration in der Stadt untersagt worden, Istanbul und Izmir feierten in diesem Jahr bereits ihre 24. beziehungsweise 14. Pride-Ausgabe unter diesen Bedingungen. Parallel zur Pride-Repression sperrten die Behörden zuletzt auch dutzende Kanäle türkischer LGBTI-Organisationen auf der Plattform X und nahmen landesweit über 200 Oppositionelle fest.
Menschenrechtsorganisationen werten die Festnahmen als Teil eines größeren Musters staatlicher Repression, das sich längst nicht mehr auf die queere Community allein beschränkt. Internationale Kritik an diesem Vorgehen bleibt bislang folgenlos, während sich Aktivist*innen in der Türkei Jahr für Jahr aufs Neue zwischen Verbot und Protest entscheiden müssen.
Verwandte Artikel
Berliner Linke fordert Fünf-Punkte-Plan zum Schutz queerer Menschen
Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD legt die Linke einen Fünf-Punkte-Plan vor: mehr Prävention, gesicherte Finanzierung für Beratungsstellen und ein Grundgesetz-Zusatz für sexuelle Identität.
Hamburg: Einkaufszentrum weist Besucher mit Regenbogenflaggen ab
Sicherheitskräfte der Europa Passage ließen während des CSD Hamburg mehrere Menschen mit Regenbogenflaggen nicht ins Einkaufszentrum. Erst als die Polizei eingriff, änderte sich das Verhalten am Eingang.
Anschlag beim CSD Berlin: Ein Todesopfer, Tatverdächtiger nach Fahndung erschossen
Bei einer mutmaßlich islamistisch motivierten Attacke raste ein Fahrzeug am Rande des CSD Berlin in eine Menschenmenge, tötete eine Frau und verletzte rund 29 Menschen. Der 21-jährige Tatverdächtige wurde nach einer Großfahndung von der Polizei erschossen.