Der Psychologe Joel R. Anderson zeigt in einem Fachbeitrag, dass binäre Geschlechtermodelle der weltweiten Vielfalt geschlechtlicher Identitäten nicht gerecht werden – von Hijra bis Two-Spirit. Kolonialismus habe viele dieser Traditionen gezielt zurückgedrängt.
Bild: KI-generiert · Illustration
Ein binäres Geschlechtermodell mit nur zwei Kategorien wird der weltweiten Vielfalt menschlicher Geschlechtsidentitäten nicht gerecht. Zu diesem Schluss kommt der Psychologe Joel R. Anderson vom Australian Research Centre in Sex, Health and Society an der La Trobe University in einem Fachbeitrag, der im August 2025 in der Fachzeitschrift „Archives of Sexual Behavior" erschien.
Anderson argumentiert zunächst auf biologischer Ebene: Schon die Kategorie „Geschlecht" selbst sei kein sauberes Zweiersystem, da intergeschlechtliche Merkmale bei schätzungsweise 1,7 Prozent der Menschen auftreten. Auf sozialer Ebene verweist er auf eine Reihe kulturell fest verankerter Geschlechterkategorien jenseits von Mann und Frau: Hijra in Südasien, Fa'afafine in Samoa, Two-Spirit-Identitäten in zahlreichen indigenen Gemeinschaften Nordamerikas sowie die fünf anerkannten Geschlechter der Bugis in Indonesien.
Diese Traditionen seien, so Anderson, keine Randerscheinungen gewesen, sondern über Generationen gesellschaftlich anerkannte Kategorien – bis koloniale Herrschaft sie systematisch zurückdrängte. Als Beispiel nennt er die britische Kolonialverwaltung, die Hijra-Gemeinschaften 1871 per Gesetz kriminalisierte, sowie kanadische Missionsschulen, die Two-Spirit-Traditionen gewaltsam auszulöschen versuchten.
Sein Fazit: Sex und Gender seien beide kulturell geprägte Kategorien, keine universellen Naturtatsachen. Statt an einer festen Zahl von Geschlechtern festzuhalten, plädiert Anderson für ein Verständnis, das Selbstdefinition über starre Zählweisen stellt.
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