Am 26. Juni 2015 entschied der Oberste Gerichtshof der USA im Fall Obergefell v. Hodges, dass gleichgeschlechtliche Paare im gesamten Land heiraten dürfen. Elf Jahre später ziehen Darra Gordon, Geschäftsführerin der Organisation Family Equality, und Paul Brandeis Raushenbush, Baptistenpfarrer und Präsident der Interfaith Alliance, eine Bilanz: Die damals verbreiteten Untergangsszenarien seien nicht eingetreten.
Rund 1,2 Millionen Menschen haben nach Schätzungen der Autoren seit dem Urteil in den USA gleichgeschlechtlich geheiratet. Familien gewannen dadurch rechtliche Absicherung, ohne dass religiöse Institutionen ihre Glaubenspraxis einschränken mussten. „Paare haben geheiratet. Familien haben rechtlichen Schutz gewonnen. Und niemand hat die Freiheit verloren, den eigenen Traditionen oder Überzeugungen zu folgen“, schreiben Gordon und Raushenbush. Ein aktueller Bericht der Interfaith Alliance komme zu dem Schluss, dass zivile Ehe für alle und Religionsfreiheit einander ergänzen, statt sich zu widersprechen.
Raushenbush selbst ist mit dem Autor Brad Gooch verheiratet, gemeinsam ziehen sie zwei Kinder groß. Die Autoren räumen ein, dass die Zustimmung zur Ehe für alle in konservativen Bevölkerungsgruppen schwankt und einzelne religiös-rechte Gruppierungen weiterhin versuchen, das Urteil zurückzudrehen. Trotzdem werten sie das Jubiläum als Beleg dafür, dass rechtliche Gleichstellung und Glaubensfreiheit in der Praxis nebeneinander bestehen können – und warnen davor, diese Balance durch neue Einschränkungsversuche zu gefährden.
Die Zustimmungswerte zur Ehe für alle sind in den vergangenen Jahren zwar insgesamt stabil geblieben, unter konservativen Amerikanerinnen und Amerikanern jedoch spürbar gesunken. Gordon und Raushenbush sehen darin ein Warnsignal: Vereinzelte religiös-rechte Gruppierungen nutzten das politische Klima, um die Rechtsprechung von 2015 wieder infrage zu stellen. Die Bilanz der vergangenen elf Jahre, so ihr Fazit, tauge als Gegenargument – sie zeige, dass Gleichstellung Religionsgemeinschaften nichts wegnehme, sondern lediglich Rechte auf mehr Menschen ausdehne.
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