Im Juli 1996 stellten Forschende auf der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver ein Behandlungskonzept vor, das die Geschichte von HIV in zwei Hälften teilte: die hochaktive antiretrovirale Therapie, kurz HAART. Statt eines einzelnen Wirkstoffs kombinierte sie mehrere Medikamente und unterdrückte damit die Vermehrung des Virus im Körper so wirksam, dass sich die Prognose für Infizierte über Nacht veränderte. Schon Ende 1997 erhielten 94 Prozent der HIV-Patienten in den USA diese Kombinationstherapie.
Aus einer Diagnose, die noch Ende der Achtzigerjahre einem Todesurteil gleichkam, wurde eine behandelbare chronische Erkrankung. Wer die Therapie konsequent nimmt, senkt die Viruslast so weit, dass eine Übertragung beim Sex nicht mehr möglich ist – ein Prinzip, das heute unter dem Kürzel U=U bekannt ist. Mit der Prä-Expositions-Prophylaxe kam später eine weitere Säule hinzu: ein Medikament, das HIV-negative Menschen präventiv vor einer Infektion schützt.
Drei Jahrzehnte nach Vancouver bleibt der Zugang zu dieser Versorgung jedoch ungleich verteilt. Kriege, gekürzte Entwicklungshilfe und neue Anti-Homosexuellen-Gesetze wie in Uganda erschweren Prävention und Behandlung in vielen Teilen der Welt. Auch in Deutschland ist die Erfolgsgeschichte nicht vollständig: Schätzungen zufolge wissen rund 8.200 Menschen hierzulande nichts von ihrer HIV-Infektion und werden entsprechend nicht behandelt.
Der Rückblick auf 1996 zeigt damit zweierlei zugleich: wie weit die Medizin gekommen ist, und wie sehr der Zugang zu ihren Errungenschaften noch immer von Herkunft, Einkommen und Gesetzeslage abhängt.
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