Die Bugis, mit rund drei Millionen Angehörigen die größte Ethnie Süd-Sulawesis in Indonesien, kennen traditionell nicht zwei, sondern fünf Geschlechter: Makkunrai und Oroané entsprechen ungefähr den westlichen Kategorien Frau und Mann. Calalai und Calabai dagegen lassen sich keiner der beiden zuordnen, und Bissu bildet eine fünfte, eigenständige Kategorie.
Calalai bezeichnet Menschen, die weiblich geboren wurden, aber eine maskuline soziale Rolle einnehmen – in Kleidung, Beruf und Auftreten orientieren sie sich an dem, was in der Bugis-Gesellschaft traditionell Männern vorbehalten ist. Calabai wiederum sind männlich geborene Menschen, die tradierte männliche Normen bewusst unterlaufen und häufig in einer als feminin verstandenen Rolle leben. Bissu schließlich gelten als androgyne, das heißt weder rein männlich noch rein weiblich gelesene rituelle Fachleute, die in der Bugis-Kosmologie zwischen der spirituellen und der menschlichen Welt vermitteln.
Bemerkenswert ist, dass sich dieses Fünf-Geschlechter-System über Jahrhunderte gehalten hat, obwohl Indonesien heute mehrheitlich muslimisch geprägt ist. Es zeigt, dass die Vorstellung von mehr als zwei Geschlechtern kein rein westliches Konzept der Gegenwart ist, sondern in verschiedenen Weltregionen eigenständig gewachsen ist – oft lange bevor der Begriff „nichtbinär" im heutigen Sinn geprägt wurde.